· 

Apfelkuchen im Schnee

Das Jahr war schon ziemlich alt. Im Wilsbachtal war  lange kein grünes Blatt mehr am Baum zu sehen. Noch nicht mal eine winzige Knospe, die wenigstens so aussah, als ob sie ein Blatt werden wollte. Nichts reckte seine Nasenspitze in den eisigen Wind, die Blumen nicht, die Blätter nicht und auch die Tiere nicht. Weit und breit sah man nur knorrige alte Bäume, die kahl in die Landschaft ragten. Die Kälte pfiff durch Äste und Zweige und manchmal ächzte und knarrte das Holz, als wollte es gleich zerbrechen.

Die Menschen hatten sich in ihre Häuser zurückgezogen und saßen nah beieinander am Ofen. Ein heißes Süppchen wärmte ihren Bauch. Die Mütter und Großmütter hatten so eifrig gestrickt, dass nun jeder im Dorf ein paar wollene Socken an den Füßen hatte und manche hatten sogar meterlange Schals um sich gewickelt.

Das Feuer in den Öfen knisterte gemütlich und die Speisekammern waren noch immer gut gefüllt von den Schätzen des Herbstes. Die Wilsbachtaler tranken warmen Apfelsaft, spielten 'Mensch ärger dich nicht' und wenn es dunkel wurde, erzählten sie sich lustige Geschichten. Fast hatten sie sich daran gewöhnt, doch dann geschahen  auf einmal wundersame Dinge.

 

Zuerst fehlte ein Schuh, dann verschwand ein Blumentopf, später auch ein Besen und ….keiner weiß wie...sogar eine Küchenuhr. Und obwohl die sehr laut tickte, war sie nirgends mehr zu hören oder zu sehen. Bald darauf war ein Kochtopf verschwunden und gleich hinterher ein ganzer Korb Äpfel. Eine Familie vermisste plötzlich ihre Kaffeetassen und ein Opa suchte seinen Hut. Als dann auch noch ein paar Wollknäule und ein Hundehalsband verloren gingen, beschlossen die Dorfbewohner, sich im Rathaus zu treffen, um herauszufinden, was denn hier los war. Sie machten eine richtige Gemeinderatssitzung. „Aber nicht ohne Apfelkuchen und Kakao, sonst kann man nicht denken.“, meinte der Bürgermeister. Alle kamen pünktlich, bis auf Oma Ludwig, die konnte ihren Spazierstock nicht mehr finden. Sie kam etwas später und sah ziemlich verschneit aus. Die Wilsbachtaler saßen also beieinander und rätselten laut, wo ihre Sachen geblieben waren. „Ich stelle meine Schuhe immer vorn an die Tür. Alle beide!“ rief einer. „Meine Uhr hängt schon lange an der selben Wand und jetzt ist sie weg!“ motzte ein anderer. „Woraus sollen wir jetzt unseren Kaffee trinken?“, jammerte es von weiter hinten.

Immer mit der Ruhe!“ mahnte der Bürgermeister und rückte seine Brille zurecht. „Schreiben wir doch mal genau auf, was fehlt.“

Einer nach dem anderen!“, beschwichtigte der Sekretär und holte seinen Block und einen Stift heraus. Die Liste wurde ganz schön lang. Und zum Schluss schrieb der Sekretär noch dazu: „Zwei Bleistifte.“ Die waren nämlich auch seit gestern verschwunden.

Als man alles aufgeschrieben hatte, trank jeder erstmal eine Tasse Kakao und aß ein Stück Kuchen auf den Schreck.

 

Vor dem Fenster knarzten die Bäume im Wind und draußen wurde es langsam dunkel. Der Kakao war lecker und der Apfelkuchen war mit dem Dorfgeheimrezept gebacken. Alle hatten sich noch soviel zu erzählen, dass es richtig gemütlich wurde. Fast hätten die Dorfbewohner vergessen, warum sie sich versammelt hatten. Sie schwatzten und schmausten, dass es eine Freude war. Doch dann fehlte auf einmal ein Kuchenstück. Es war das letzte, mit den besonders großen Streuseln. Alle waren sich sicher, dass es keiner von ihnen gegessen hatte.

Potzblitz!“ „Da ist wer entwischt!“ donnerte einer und stürzte zur Tür.

Ach komm!“ kicherten ein paar Frauen. „Wo denn?“

Gebannt starrten alle zur Tür, sahen aber nichts. Sie stand jetzt einen Spalt offen und die kalte Winterluft pfiff schon herein.

Es wurde mucksmäuschenstill. Jetzt konnte man ein Schniefen und Schnaufen hören, aber nur ganz leise, wie von etwas Winzigem. Als hätten sie Katzenpfoten, schlichen die Wilsbachtaler zur Tür und lugten hinaus. Nichts. Sie sahen nichts.

Aber sie hörten etwas. Zu dem Schniefen kam jetzt auch noch ein leises Schimpfen. Oder war es ein Lachen? Alle spitzten die Ohren.

Das ist ja nochmal gut gegangen. Jetzt aber nichts wie weg!“ flüsterte es irgendwo da draußen.

Der, der ganz vorne stand, schob die Tür etwas mehr auf ...und dann noch etwas, bis alle Köpfe durch die Tür passten.

Pssst!“ Der Bürgermeister legte den Finger auf den Mund. Mit großen Augen starrten alle hinaus.

 

Die kleine Johanna sah es zuerst.

Ein hüpfendes Stück Apfelkuchen im Schnee!

Aufgeregt fuchtelte sie mit den Armen, stupste ihren Nachbarn in die Seite und zeigte immer wieder ins Dunkel. Und nun sahen es die anderen auch. Der Kuchen schwankte, stand plötzlich schief und schien dann weiter zu schweben. „Pass doch auf! Geradeaus und dann links.“ hörte man nun.

Die Dorfbewohner reckten ihre Hälse.

Jetzt sah es so aus, als ob die schönen dicken Kuchenstreuseln von unten leuchteten.

Wie Streichholzlichtlein so groß trug etwas das Kuchenstück durch die Nacht. Es schien wieder zu hüpfen und torkelte nun hin und her über den Schnee.

Plötzlich verschwanden die Lichtlein. Und der Apfelkuchen mit ihnen.

Die Wilsbachtaler waren so überrascht, dass sie vergaßen, Mütze und Jacke anzuziehen und dem Kuchen hinterher schlichen. Geradeaus und dann links.

 

Die Bäume machten wieder ihre Wintermusik und der Schnee knirschte so laut unter den Füßen, dass sie es fast nicht gehört hätten. Erst ein Schlüsselklappern und dann ein Geräusch, als ob jemand einen großen Stein beiseite schiebt. Der Bürgermeister, der allen voran gegangen war, hielt abrupt an. Was war das? Alle lauschten. Dann schlichen sie wieder ein paar Schritte, blieben stehen und versuchten etwas zu erkennen.

Da schimmerte etwas im Schnee. Nur ganz sanft. Es sah aus, als ob in dem kleinen Hügel vor ihnen jemand eine Kerze angemacht hätte. Sachte kamen sie näher und mussten dabei achtgeben, nicht zu laut aufzutreten.

Hinter einem alten Baumstamm hielten sie an und konnten jetzt genau sehen, woher das Licht kam. Es flackerte aus einer winzig kleinen Höhle. Kleine Schatten, die aussahen wie Zipfelmützen bewegten sich darin. Man hörte es seufzen und dann kichern und dann schmatzen. „Hmmh!“ „Yamm!“ Hmmh!“ und wieder „Yamm!“ und schließlich, nach einer Weile...ein zufriedenes leises Schnarchen.

 

Als die Dorfbewohner das hörten, schlichen sie noch ein Stückchen näher an die kleine Höhle heran. Doch gerade im letzten Moment noch hielt Johanna den Bürgermeister an einem Hemdzipfel fest. Fast wäre er in eine Grube gefallen, die sich gleich neben der Höhle auftat! Allen klopfte noch das Herz, als sie plötzlich eine alte Küchenuhr ticken hörten und silbern eine Schnalle aus der Grube hervor blitzen sahen. Einige Tassen türmten sich darin und die Schnürsenkel eines Schuhs waren um einen Spazierstock gewickelt. Mit großen Augen starrten die Wilsbachtaler nach unten. Der Sekretär sah seine Bleistifte, einer erkannte ein Hundehalsband und weiter hinten lag ein Topf. Ein Korb lag darin und außerdem noch Schleifenband, eine Blumenvase, ein Glitzerstein und ein Schlüsselbund. Noch während die Dorfleute darüber staunten, drang der Duft von Apfelkuchen in ihre Nasen. Da fiel ihr Blick wieder auf das sanfte Leuchten in der Höhle. Fast trauten sie ihren Augen nicht! Zwei kleine Zwerge lagen darin und schnieften und schmatzten im Schlaf. Neben ihnen lagen dicke Krümel und Apfelstückchen. Gerade sahen sie noch im Augenwinkel, wie eine kleine rote Zipfelmütze zwischen den Hügeln davon huschte.

 

Was für ein Glück wir haben!“ flüsterte da der Bürgermeister und seine Wangen färbten sich rot vor Freude. "Die Zwerge wohnen bei uns im Tal!"

Die kleinen Zipfelmützen wohnen an ganz besonderen Orten. Sie leben nur dort, wo die Menschen genug haben, um es zu teilen. Und sie sind immer da, wo die Menschen fröhlich sind.“

"Was für eine Ehre!"

Die Dorfbewohner nickten still und lächelten. Und dann gingen sie zurück ins Rathaus und feierten ein großes Fest. Mit jeder Menge Apfelkuchen.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0