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Die Blätter fallen

Seit ein paar Tagen ist die Sonne in das Zeichen des Skorpions eingetreten. Eine intensive, eine wandelnde Zeit, die ich sehr mag, ebenso wie die Menschen, die unter diesem Zeichen geboren sind. Leidenschaftlich, wahrheitsliebend, unerschrocken und von faszinierender Kraft sind sie.

 

Man sagt den Skorpiongeborenen nach, dass sie in ihren Erfahrungen gern bis zum tiefsten Punkt gehen. Sie lassen nichts unversucht, das Leben zu ergründen und fürchten sich dabei nicht, auch ins Dunkelste hinabzusteigen. Weil sie die Untiefen des Menschseins kennen, kann man ihnen so leicht nichts vormachen. Ihr Gespür ist untrüglich. Sie wollen jeden Moment intensiv auskosten und wenn sie einmal entschlossen sind, ziehen sie eine Sache durch bis zum bitteren Ende. Loslassen ist nicht ihre Stärke. Deshalb geht ein Skorpion oft bis zum Äußersten.

 

 

 

Um das Leben zu bezwingen, manipuliert er so manches geschickt zu seinen Gunsten. Was ihm wichtig ist, kontrolliert er lieber, egal ob offen oder verdeckt. Seine Vorstellungen sind fest und selten verrückbar. Worum er fürchtet, das hält er in seiner Umklammerung. Geschieht etwas gegen seinen Willen, droht er mit machtvoller Gebärde.

 

 

 

Er geht bis zum tiefsten Ort des Schmerzes, bis er den Punkt ohne Umkehr, den 'Point of no return' erreicht hat...und mit einem Schlag loslassen kann. Was er dann auch tut! Er atmet aus. Gibt sich hin, lässt zu, dass alles geht. Das ist der Punkt des (inneren)Todes, dem er sich vollends ergibt. Der Punkt der Wandlung! Und letztlich ist es Erlösung und tiefe Heilung. Es ist der Phönix, der erst verbrennen musste, um aus der Asche seiner Vorstellungen wieder aufzuerstehen.

 

 

 

Heilsam

 

Nicht ohne Grund fällt die Kraft des Skorpions in den Herbst, die Zeit des Wandelns und Sterbens. Um eine Zeitqualität zu verstehen, muss man nur in die Natur schauen und still beobachten, was sie einem erzählt. Das tat ich heute. Ich war so müde von den letzten Monaten und all dem Widerstand gegen das, was gerade geschieht.

 

 

 

Also stellte ich mich unter einen Baum und ließ einfach die fallenden Blätter auf mich rieseln. Ich spürte dem nach, was ich in letzter Zeit alles erlebt hatte. Es war heilsam, dabei das Schauspiel der Natur in mich aufzunehmen. Ich ließ Revue passieren, wie anstrengend die letzten Monate für mich waren. Nicht nur, dass in der ganzen Welt etwas passiert, das einen unwiederbringlichen Wandel bedeutet, es bringt auch die dunkelsten Gefühle hervor. Vor allem solche, in deren Tiefen wir noch nicht oder vielleicht vor langer Zeit mal getaucht waren.

 

 

 

Die Ohnmacht gegenüber der machtvollen Gebärde eines Staates zum Beispiel oder den Zorn auf Überwachung und Zwangsmaßnahmen, das Rätsel der übergroßen Angst vor dem winzigsten aller Lebewesen oder auch die Beklemmung beim Anblick all der verborgenen Gesichter.

 

 

 

Als ich das derzeitige Geschehen in der Welt und in mir betrachtete, konnte ich nicht umhin, da die skorpionische Kraft des Pluto zu entdecken. Eine Energie, die eine Situation sich so zuspitzen lässt, dass es einen endgültigen Wandel provoziert.

 

 

 

Regierungen, die vehement versuchen, das Leben zu kontrollieren und in dem Versuch, die Alten zu retten, die Jungen opfern. Auf der einen Seite Menschen die manipulieren und auf der anderen Seite Menschen, die sich domestizieren lassen. Beide gleichermaßen in dem Wahn, auf diese Weise Krankheit oder Tod zu entrinnen oder es besser zu wissen, als das Leben.

 

 

 

Wenn wir genau hinschauen, hat diese fixe Idee ihren Preis. Sie kehrt alle Bemühungen im Ergebnis in ihr absurdes Gegenteil: das Leben wird dem Tod geopfert, die Lebendigkeit der Sicherheit, die Entwicklung der Stagnation.

 

 

 

Nicht nur, dass dieses Gebaren viel unnötiges Leiden erzeugt. Das Leben zeigt sich davon auch gänzlich unbeeindruckt. Es schert sich nicht um unsere Vorstellungen. Es ist größer, viel größer, als unser menschlicher Wille oder irgendeine fixe Idee. Die Geschichte ist voll von diesen Lehrstücken...und dennoch setzt das menschliche Ego seinen Ritt fort.

 

 

 

 

Wie es ist

 

Nachdem ich selbst also heute so müde war, nicht vom Kampf gegen eine Krankheit, aber vom Widerstand gegen das Offensichtliche - stand ich unter einem Baum und dachte:

 

Ich kann es nicht ändern. Es ist wie es ist.

 

Ich sah zu, wie der Wind mit allem spielte. Manche Blätter sahen aus, als ob sie tanzten, andere segelten von hier nach da und einige schienen für kurze Zeit sogar schwebend in der Luft zu stehen. Bevor der Wind sich drehte, war es plötzlich ganz still. Kein Geräusch, keine Bewegung. Auch das Wolkenspiel hielt inne. Ein kleiner Sonnenstrahl lugte zaghaft hervor. Dann fuhr eine neue kräftige Böe durch die Äste, die Zweige bäumten sich auf, rauschten wild und gaben nach.... und leise, ohne Ton, taumelte Blatt um Blatt hinab zur Erde. Und auf mich.

 

 

 

 

Da fiel mir auf, wie still das Loslassen ist.

 

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